Jetzt schreibe ich schon ein paar Jahre über Nähen und Passform, und habe noch nie ein Wort über das richtige Maßnehmen gesprochen? Wie kann das sein?

Das holen wir schleunigst nach!

Eins gleich vorweg: 
Du brauchst nicht unbedingt eine Hilfsperson zum Vermessen. Es geht auch ganz gut alleine, ohne dass du dich in Unterwäsche vor Menschen präsentieren musst, wenn es nicht sein muss. Ich zeig dir gleich, wie das geht. 

Warum Maßnehmen wichtig ist – aber nicht perfekt sein muss

Du musst deine Maße kennen, damit du sie mit dem Schnittmuster vergleichen kannst. Wie willst du sonst deine Ausgangsgröße finden? Und nein, Konfektionsgrößen sind dafür nicht geeignet!!!
Es ist aber auch so, dass du dich beim Vermessen nicht verrückt machen darfst. Nähen ist keine Raketenwissenschaft. Wir haben es mit weicher und nachgiebiger Materie zu tun - es kommt nicht auf 10tel Millimeter an. Dazu kommt: Jede Schneidermeisterin hat ihre eigene Art zu messen. Bei zwei messenden Personen kommen unterschiedliche Maße heraus, und das ist völlig normal! Deshalb gibt es Probestücke und Anproben, auch bei den Profis.

Was Du zum Maßnehmen brauchst:

  • Ein gutes Maßband (= eines, das nicht ausgeleiert ist) 
  • Gummiband zum Markieren
  • Einen Ganzkörperspiegel
  • Stift und Zettel zum Aufschreiben (oder die Maßkarte)
Jetzt geht's los!

Die Vorbereitung

  • Lade die Maßkarte herunter
  • Vermesse dich am besten in Unterwäsche
  • Nimm ein schmales Gummiband, schneide es in vier Stücken zurecht und verknote sie zum Ring. Platziere die Gummiringe nun um deine Brust, deine Taille, deinen Bauch und deine Hüfte. Die Gummiringe sollten pararallel zum Boden ausgerichtet sein. Sie dienen als Orientierung und sind vor allem für die Längenmessungen wichtig.

Schritt für Schritt: So nimmst Du die Maße richtig:

1. Der Brustumfang

Bildausschnitt, das Massband liegt um den Brustumfang

Der Brustumfang wird an der stärksten Stelle der Brust genommen. Wenn Du stark ausgeprägte Schulterblätter hast, kann das Maßband diese auch mit einschließen.

2. Der Taillenumfang

Sabine schaut nach unten und liest das Maß des Taillenumfangs ab

Der Taillenumfang wird dort gemessen, wo der Oberkörper abknickt. Wenn Du Dich zur Seite beugst: Genau dort legst Du das Maßband an. Manchmal verläuft die Taillenlinie nicht waagrecht, sondern steigt nach hinten an. Das ist völlig in Ordnung.

3. Der Hüftumfang

Das Maßband liegt um die Hüfte. Sabine schaut in die Kamera, aber nicht besonders vorteilhaft.

Der Hüftumfang wird an der stärksten Stelle um den Po gemessen. Das Maßband sollte parallel zum Boden sein. Wenn Dein Bauchumfang größer ist als der Hüftumfang: keine Angst, darum kümmern wir uns im nächsten Schritt!

4. Die hohe Hüfte oder der Bauchumfang

Das Maßband liegt um die stärkste Stelle am Bauch, ca. genau zwischen Hüfte und Taille

Die hohe Hüfte wird ca. zwischen der Taille und der Hüfte gemessen. Nimm die stärkste Stelle am Bauch.

5. Die Brusttiefe messen

Das Maßband verläuft von der Schulter zur Brustspitze. Sabine markiert mir dem Daumen, wo sie das Maß ablesen muss.

Die Brusttiefe ist die Strecke von der Schulter bis zum höchsten Punkt der Brust.

6. Die vordere Länge messen

Die vordere Länge verläuft von der Schulter bis zur Taille

Die vordere Länge ist die Verlängerung der Brusttiefe und verläuft von der Schulter bis zur Taille.

7. Den Brustabstand messen

Der Brustabstand verläuft quer von Brustspitze zu Brustspitze

Der Brustabstand ist der Abstand von Brustspitze zu Brustspitze. Diese Maß hilft Dir zum Beispiel, wenn Du das Ende eines Brustabnähers kontrollieren willst.

8. Die Schulterbreite messen

Sabine von hinten. Das Maßband liegt quer über dem oberen Rücken, von Schulterknochen zu Schulterknochen

Lege das Maßband über den Rücken von Schulterknochen zu Schulterknochen. Markiere mit Daumen und Zeigefinger, wo Du das Maß ablesen  musst.

9. Die Rückenbreite messen

Das Maßband verläuft unter den Armen quer über den Rücken
Nahaufnahme vom Maßband unter dem linken Arm
Nahaufahme das Maßbands unter dem rechten Arm

Die Rückenbreite ist das einzige Maß, bei dem ich rate, es NICHT selbst zu messen. Such Dir eine Hilfsperson, die Dir schnell die Strecke von Armansatz zu Armansatz ausmisst. Ich habe hier mal ein Selbstexperiment gemacht, aber es funkioniert nicht besonders gut.

Wenn ich die Maße vom Foto nehmne und das linke vom rechten Maß abziehe, komme ich auf ca. 36 cm.

Wenn ich mich ausmessen lasse, kommt eher 43 cm raus. Das ist ein ziemlicher Unterschied und liegt vermutlich daran, dass die Positur eine andere ist. 

Die Rückenbreite hängt stark davon ab, wie die Arme positioniert sind.

Ein guter Tipp ist auch, öfter zu messen und einen Mittelwert aus den Ergebnissen zu nehmen.

9. Die Rückehöhe messen

Sabine von hinten. Sie hält das Maßband mit der rechten Hand an den Halsansatz und markiert mit der linken Hand die Höhe der Brustlinie

Halte das Maßband mit einer Hand an deinen Halswirbel. Wenn du eine Halskette trägst, kannt die Kette als Anfangspunkt dienen.

Markiere mit den Fingern der anderen Hand, wo das Gummiband deinen Brustumfang markiert.

10. Die Rückenlänge messen

Sabine von hinten. Sie hält das Maßband mit der rechten Hand an den Halswirbel und mit der linken Hand an die Taille.

Halte das Maßband wie vorhin an deinen Halsansatz.

Markiere mit den Fingern der anderen Hand, wo deine Taille sitzt. Orientiere dich an der Unterkante des Gummibandes.

11. Die Hüfttiefe messen

Sabine von hinten. Mit der linken halt hält sie den Anfang des Maßbandes auf Taillenhöhe, mit der rechten Hand markiert sie auf dem Maßband, wo die Hüftlinie sitzt.

Halte das Maßband an die Unterkante des Taillenbandes.

Markiere mit der anderen Hand, wo die Hüftlinie verläuft.

12. Die Seitenlänge messen

Sabine in Seitenansicht. Sie hält den Anfang des Maßbands auf Taillenhöhe und steht mit dem Fuß auf dem Maßband am Boden. Das Maßband ist gespannt.
Sabine bückt sich, um das Maß am Boden beim Fuß abzulesen

Halte beide Enden des Maßbandes fest. Steige in das Maßband und halte es mit dem Fuß am Boden.

Verschiebe das Maßband so, dass das obere Ende an der Unterkante des Taillenbandes startet.

Lies dann das Maß beim Fuß am Boden ab.

13. Die Schrittlänge messen

Sabine von vorn. Sie steht mit einem Fuß auf dem Maßband. Sie hält den Anfang des Maßbandes auf Schritthöhe. Das Maßband ist gespannt.

Das Prinzip ist dasselbe wie bei der Seitenlänge.

Steige mit dem Fuß in das Maßband. Diesmal geht es um die innere Beinlänge.

Halte den Anfang des Maßbandes in Schritthöhe und lies das Maß am Boden an der Innenseite vom Fuß ab. 

14. Die Ärmel- und Ellbogenlänge messen

Sabine hält den Anfang des Maßbandes auf Schulterhöhe. Das Maßband verläuft am leicht gebeugten Arm bis zum Handgelenk.

Halte das Maßband an deinen Schulterknochen. Den kann man ganz gut spüren.

Halte das Maßband mit der anderen Hand so fest, dass es an der leicht gebeugten Armrückseite entlangläuft. Lies das Maß der Ärmellänge am Handgelenk und das Maß des Ellbogens am Ellenbogen ab. 

Der Spiegel kann dabei helfen!

15. Den Armumfang messen

Das Maßband liegt um den Oberarm.

Halte das Maßband um die stärkste Stelle deines Oberarms. Ziehe das Maßband nicht zu fest! Du kannst auch gerne einen Finger als Abstandshalter nehmen!

16. Den Oberschenkelumfang messen

Das Maßband lieg um den Oberschenkel

Halte das Maßband um die stärkste Stelle deines Oberschenkels. Achte auch hier darauf, das Maßband nicht zu fest anzuziehen.

BRAVO, DU HAST ES GESCHAFFT!

Du hast die wichtigsten Maße dokumentiert und kannst immer wieder darauf zurückgreifen.

Häufige Fehler und warum sie (meistens) kein Drama sind:

  • Das Maßband zu straff ziehen

Du willst doch atmen! Lass dich von der höheren Zahl nicht abschrecken.

  • Vergessen, die Maße aufzuschreiben

Dafür gibt es ja jetzt die Maßkarte 🙂

  • Unsymmetrische Körperformen

Kein Körper ist völlig symmetrisch. Nimm das mittlere Maß und passe den Rest in der Anprobe an. Lass dich nicht verunsichern!

  • »Ideal«maßen hinterherzulaufen

Urteile nicht über deinen Körper. Die Zahlen sind neutral und sagen rein gar nichts über deine Schönheit oder deinen Wert aus. Akzeptiere sie, wie sie sind und nutze sie einfach als Hilfsmittel. 

Die kostenlose Maßkarte

Eine Abbildung der Maßkarte.

Klicke auf das Bild, um die Maßkarte herunterzuladen.

Du kannst sie ausdrucken und von Hand beschreiben, oder direkt am Computer ausfüllen.

UND JETZT?

Das Maßnehmen ist nur der erste Schritt

Das Messen ist natürlich nur der Anfang. Vergleiche deine Maße mit den Körpermaßen des Schnittmusters, damit du mit der richtigen Ausgangsgröße startest. Du siehst auch gleich, in welchen Bereichen du das Schnittmuster vor dem Zuschneiden noch anpassen musst.

Mein Tipp: Vergleiche vor allem die Längenmaße (Rückenlänge und Hüfttiefe) mit deinem Schnittmuster. Dazu musst du das Schnittmuster ausmessen. Taillen- und Hüftlinie sind meistens gut zu finden. Falls die Maße nicht mit deinen Maßen übereinstimmen, kannst du das Schnittmuster an diesen Stellen auseinanderschneiden und entweder überlappend wieder zusammensetzen, oder einen Papierstreifen dazwischensetzen, wenn Du mehr Länge brauchst.

Wenn die Längen stimmen, hast du schon ganz viele Passformprobleme gelöst!

Und denk dran: Selbst wenn etwas nicht gleich passt, heißt das nicht, dass mit Dir etwas nicht stimmt. Mit dir stimmt alles!!! Es ist, wie so vieles eine Frage der Übung. Je besser du deinen Körper kennst, desto besser wird die Passform mit der Zeit werden.

Wie gehst du mit dem Thema Vermessen um?

Hast du Bedenken, dass die Maße »zu hoch« ausfallen, oder bist du da ganz entspannt? Hast du dich schon einmal gründlich vermessen, oder hast du noch nie darüber nachgedacht? Stresst es dich, dass sich deine Maße oft verändern? Mich schon.

Schreib mir deine Erfahrungen gerne in die Kommentare. Ich würde mich freuen!

FAQ

Wie oft sollte ich mich vermessen?

Das kommt darauf an, wie oft du etwas nähst. Ich würde vor jedem größeren Nähprojekt die Hauptmaße neu messen. Die Weitenmaße (Brust-, Taillen- u. Hüftumfang) ändern sich häufiger als die Längenmaße. Die Längenmaße musst du nicht jedesmal kontrollieren.

Was ist der Unterschied zwischen Körper- und Fertigmaßen?

Körpermaße sind die eng am Körper gemessenen Maße. Fertigmaße beziehen sich auf das fertige Kleidungsstück. Die Fertigmaße sind immer größer als die Körpermaße. Diese Mehrweite ist notwendig, damit du dich in deiner Kleidung bewegen kannst. Die einzige Ausnahme sind sehr eng anliegene Kleidungstücke aus elastischen Stoffen. 

Wie groß der Unterschied zwischen den Körper- und Fertigmaßen ist, kann sehr unterschiedlich sein. Es hängt von der Art des Kleidungsstücks und dem gewünschten Sitz ab. Soll es eher körperumschmeichelnd oder lässig weit sein? Außerdem ist das Empfinden, wie weit ein Kleidungsstück sein soll, sehr individuell. Deshalb gibt es dafür keinen Standard.

Brauche ich wirklich alle Maße?

Beim ersten Mal Vermessen würde ich alle Maße auf der Maßkarte ausfüllen. Wenn Du einmal den Aufwand machst, dann richtig!

Aber du brauchst nicht für jedes Nähprojekt alle Maße. Wenn Du eine Bluse nähen möchtest, brauchst du keine Oberschenkelweite. Das ist ja klar! Nur: Wenn alle Maße auf der Maßkarte ausgefüllt sind, hast du auch immer die Maße, die du gerade brauchst.

Welche Maße brauche ich für ein Oberteil?

Brustumfang, Hüftumfang, Schulter- und/oder Rückenbreite, Rückenlänge und Ärmellänge

Welche Maße brauche ich für eine Hose?

Taillenumfang, Hüftumfang, Seitenlänge, Schrittlänge und evtl. den Oberschenkelumfang

Welche Maße brauche ich für ein Kleid?

Brustumfang, Teillenumfang, Hüftumfang, Schulter- und/oder Rückenbreite, Rückenlänge, fertige Kleiderlänge und ggf. die Ärmellänge

Wie gehe ich mit asymmetrischen Körpermaßen um?

Notiere dir beide Maße und orientiere dich vorerst auf das mittlere Maß. Die Feinabstimmung machst Du in der Anprobe.

Deine Frage ist nicht dabei?

Dann schicke mir einfach eine Email mit deiner Frage an post[at]sabinekeller.de

  • Toller Post Sabine – sehr ausführlich erklärt – vor allem der Tip mit den Gummibändern ist genial – Danke!
    Viele Grüsse aus der Nähwerkstatt,
    Steffi
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